Ambulante Hilfen: Deutsches Technikmuseum inklusiv

Erstellt

von Barbara Brecht-Hadraschek

Am Besprechungstisch in der Runde: Kleiner Junge zeigt Iris Kühnberger sein Foto
Iris Kühnberger mit Schüler aus dem Projekt

Zwölf Kinder und Jugendliche mit Behinderung waren vom Deutschen Technikmuseum eingeladen worden, das Museum zu erkunden und mit neugierigem Blick herauszufinden, welche Bereiche für sie besonders spannend sind und wo sie vermittelnde Unterstützung brauchen. Begleitet von unseren Einzelfallhelfer*innen und ausgerüstet mit Klemmbrett, Fragebogen und Stift machten sich die jungen Besucher*innen auf, um den Museumspädagog*innen Anregungen und neue Ideen für ein Museum für alle zu geben.

„Iris Kühnberger, die Leiterin des Bereichs Bildung & Besucherforschung im Deutschen Technikmuseum, hat die Projektidee zunächst in unseren Regionalteams vorgestellt. Das Projekt wurde wirklich begeistert aufgenommen und sehr viele Kolleg*innen wollten mit ihren Klient*innen daran teilnehmen“, beschreibt Chariklia Lehmann, Einzelfallhelferin bei der tandem BTL, den Projektstart.

Ziel: Das Museum soll inklusiver werden

Junge mit Downsyndrom hält fröhlich einen Fragebogen in die Kamera

Iris Kühnberger ist es ein besonderes Anliegen, als Museum einen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft zu leisten „Wir wollen ein inklusives Museum werden. Barrierenabbau ist dabei natürlich ein wichtiges Thema. Ganz zentral für uns ist es, wirklich mit den Betroffenen zusammen ein Konzept zu entwickeln. Deshalb arbeiten wir beispielsweise schon seit einiger Zeit mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverband zusammen. So wird es demnächst Führungen geben, die von einer*m seheingeschränkten und einer*m sehenden Referent*in als Tandem zusammen gemacht werden. Für gehörlose Besucher*innen haben wir jetzt auch Videotouren in Deutscher Gebärdensprache“

Doch Barrierefreiheit geht natürlich weiter. Schritt für Schritt sollen auch andere Gruppen in die Entwicklung neuer inklusiver Konzepte mit einbezogen werden; mit Autist*innen und Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten arbeitet das Museum schon zusammen. „Eine Gruppe, die wir jetzt neu in den Fokus genommen haben, sind Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten und/oder Behinderung. Für diese Zielgruppe brauchen wir geeignete Materialien in leichter Sprache – und bei der Entwicklung beraten uns jetzt die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Einzelfallhelfer*innen der tandem BTL,“ erklärt Iris Kühnberger.

Wie dieses neue, inklusive Produkt aussehen könnte, war bewusst ganz offengehalten. Fest stand nur: „Wir möchten etwas anbieten, was jeder eigenständig und auch ohne Anmeldung spontan im Museum nutzen kann,“ sagt Eveliene Veen. Sie ist Volontärin im Deutschen Technikmuseum und Projektleiterin für neue Angebote zur Inklusion von Kindern und Jugendliche mit geistiger Beeinträchtigung. „Unser Anspruch ist ein Museum für alle Menschen. Jede Person soll sich hier zurechtfinden.“

Auf die Plätze, Museum, los!

Junge im Rollstuhl und sein Einzelfallhelfer betrachten eine rote Lokomotive auf dem Rangierplatz im Museumshof

Bei einem Kennenlerntreffen mit den beiden Museumspädagog*innen erfuhren die Kinder und Jugendlichen zunächst, was ein Museum eigentlich ist, welchen Auftrag es hat und was sie dort erwartet. So gerüstet konnten dann die Erkundungsvormittage kommen. Damit die Kinder in Ruhe das weitläufige Museum entdecken konnten, waren sie an zwei Montagvormittagen – offizielle Schließtage im Museum – zu Gast. Ausgestattet mit Klemmbrett und Fragenbogen schwärmten die Kinder zusammen mit ihren Einzelfallhelfer*innen in die verschiedenen Museumsbereiche aus. Lokomotiven, Loren und faszinierende historische Fluggeräte wurden neugierig beäugt und begeistert erkundet. Nach jeder Erkundungstour kamen alle zu einer Feedbackrunde zusammen und tauschten sich über ihre Erfahrungen aus.

Erstes Feedback der Kinder

Schnell kristallisierten sich erste Ideen und Anregungen heraus:

  • Alle Sinne ansprechen: Wie hörten sich früher Lokomotiven an? Wie riecht Maschinenöl? Wie klingen Flugzeugpropeller? Alle Kinder hatten ein großes Interesse daran, das Museum mit allen Sinnen zu erkunden und interessante Objekte anzufassen. Nicht immer war aber klar, was erlaubt ist und was nicht. „Schade, dass man so viel nicht berühren durfte,“ stellten die Gäste fest.
  • Zugänglichkeit: Viele Objekte sind so angebracht, dass Kinder, kleine Personen oder Menschen im Rollstuhl diese schlecht anschauen (oder betreten, wie bei den Loks) können. „Höhenverstellbare Medienstationen und mehr Rampen wären cool“, wünschte sich deshalb auch eines der Kinder im Rollstuhl.
  • Interaktion: Alle waren sich einig: Alles, was man direkt ausprobieren kann, was sich bewegt, jeder Knopf, den man drücken kann, macht besonderen Spaß.

„Wir haben schon jetzt viel gelernt“, freut sich Eveliene Veen nach den zwei Besuchen der Kinder. „Wir werden auf jeden Fall das 2-Sinne Prinzip anwenden bei der Entwicklung eines neuen Produktes. Und es haben sich auch neue Fragen aus den Besuchen ergeben. Was brauchen zum Beispiel die Betreuer*innen? Denn die Kinder kommen ja in Begleitung ins Museum.“

Was brauchen die Begleiter*innen?

Zwei Schüler*innen betrachten zusammen mit einer Einzellhelferin große Fotos am Tisch

Um dieser Frage nachzugehen, wurden die Einzelfallhelfer*innen noch einmal separat eingeladen. So konnten gemeinsam weitere Themen reflektiert werden. „Für uns wäre es auch wichtig, Begleitmaterial für Betreuer*innen in leichter Sprache zu haben,“ sagt Chariklia Lehmann. „Einige Klient*innen waren auch von der Fülle an Informationen und Objekten erschlagen. Hier wäre ein Ruhe- und/oder Rückzugsort wichtig“, resümiert die Einzelfallhelferin. „Was alle Beteiligten begeistert hat: Die Klient*innen wurden als Expert*innen wahrgenommen, der Umgang war sehr wertschätzend, der Dialog auf Augenhöhe. Alle erhielten im Sommer auch noch eine Urkunde, die sie als Museumsexpert*in auszeichnet,“ freut sich Chariklia Lehmann.

Auch Iris Kühnberger ist zufrieden: „Wir haben jetzt eine gute Vorstellung davon, in welche Richtung unsere Bildungsabteilung weiter arbeiten muss .Wir haben von den Expert*innen in eigener Sache sehr viel gelernt  und auch sehr wertvolle Hinweise von den Betreuenden bekommen. Richtig gefreut haben wir uns, über die Begeisterung der Kinder hinaus, dass unser Museum schon beim zweiten Besuch „ihr“ Museum war. Die Kinder sind gleich losgesprungen, um ihre Lieblingsecken zu besuchen. Ein Jugendlicher war sogar so begeistert, dass er seiner ganzen Klasse „sein“ Museum zeigen wollten. Auch das hat das Deutsche Technikmuseum ermöglicht und die Klasse spontan zu einem exklusiven Montagsbesuch eingeladen.

Wie geht es weiter?

Chariklia Lehmann, Iris Kühnberger und ein kleiner Junge im Gespräch am Tisch
Alle Fotos: Barbara Brecht-Hadraschek

„Die ursprüngliche Idee war ein Mitmachtheft in leichter Sprache“, erzählt Iris Kühnberger. Doch das wird nicht reichen, weiß die Leiterin Bildung jetzt.  „Wir werden jetzt zweierlei machen. Zum einen Informationen für die Einzelfallhelfer*innen zusammenstellen: Wo kann man was essen, wo gibt es ruhige Ecken zum Ausruhen, was darf angefasst werden? Zum anderen ein Produkt für die Kinder selbst entwickeln.

Hier gehen wir jetzt in die Konzeptphase und überlegen, was wir mit den Impulsen und Anregungen machen. Wir könnten uns ein Ausstellungs-Quartett vorstellen oder ein Quiz mit Stempeln oder Objekt-Bildchen, die man sammeln kann.“

Wenn das Produkt fertig ist, sollen die Kinder natürlich noch einmal zum ausgiebigen Testen eingeladen werden. Darauf sind jetzt schon alle gespannt!


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