20 Jahre Tagesgruppe Marzahn: Gemeinsam gegen Schuldistanz

Erstellt

von _Admin B.Brecht-Hadraschek

Erst träumen sie sich weg oder stören den Unterricht, dann fehlen die Schüler*innen unentschuldigt eine oder mehrere Stunden – und irgendwann erscheinen sie gar nicht mehr. Schuldistanz hat bei Schüler*innen unterschiedliche Ausprägungen – und unterschiedliche Ursachen. Knapp 11,73% aller Schulabgänger*innen in Berlin verlassen die Schule ohne Schulabschluss (Caritas-Studie 2019) – damit ist die Hauptstadt trauriger Spitzenreiter in der Bundesrepublik. Eine letzte Chance, wieder in die reguläre Schule zurückzufinden und einen Schulabschluss zu schaffen, sind Projekte wie die Tagesgruppe Marzahn.

Kleine Lerngruppen, sehr individuelle Betreuung und Förderung durch ein multiprofessionelles Team sind wichtige Voraussetzungen für den Erfolg der Projekte.  „Unser Team besteht heute aus zwei Sozialpädagog*innen, zwei Erzieher*innen, einer therapeutischen Fachkraft und Lehrkräften der Rudolf-Virchow-Oberschule“, sagt Heike Schiganow, Leiterin der Tagesgruppe Marzahn und seit Gründung des Projektes 1999 an Bord.

Tagesgruppe Marzahn: Auch gemeinsames Spielen gehört zum Programm
Heike Schiganow beim Spiel mit zwei der Jugendlichen

Neben dem Erlernen einer verlässlichen Tagesstruktur mit pünktlichen Tagesbeginn geht es vor allem um das Arbeiten an den sozialen und persönlichen Fähigkeiten: Steigern der Frustrationstoleranz, Erfahren der Selbstwirksamkeit und Anwenden von Konfliktvermeidungsstrategien.

„Wichtig ist: Wir nehmen die Schüler*innen ernst, trauen ihnen etwas zu. Sie sollen und dürfen bei uns auch mal Dinge tun, die einfach Spaß machen,“ sagt Schiganow. Mehr als 140 Schüler*innen aus ganz Marzahn-Hellersdorf hat sie mit ihrem Team in diesem Projekt seit seinen Anfängen auf diese Weise begleitet.

„Bis zu 10 Jugendliche kann die Tagesgruppe aufnehmen. Diese werden von uns in der Regel zwei Jahre begleitet und gefördert. Manche bleiben mittlerweile sogar vier Jahre im Projekt und machen in Kooperation mit der Rudolf-Virchow-Schule den Schulabschluss“, erklärt Heike Schiganow. Der höchstmögliche Abschluss ist der MSA, außerdem haben die Schüler*innen die Möglichkeit, ihre Berufsbildungsreife bzw. die erweiterte Berufsbildungsreife zu machen.

Eine klare Struktur bestimmt den Tag

Tagesgruppe Marzahn: Deutschunterricht in der Lernwerkstatt
Deutschunterricht in der Lernwerkstat

„Die Schüler*innen haben bei uns eine ganz klare Tagesstruktur – und das ist auch sehr wichtig“, betont Schiganow. „Der Tag beginnt um acht Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück. Hier hat jeder mal Tischdienst und bestimmte Aufgaben. Vormittags sind die Schüler*innen in 4-5 Lernwerkstätten à 40 Minuten. Hier kommen die Lehrer*innen der Rudolf-Virchow-Schule zu uns in die Einrichtung.“  In den Lernwerkstätten mit nicht mehr als 3-5 Schüler*innen geht es um soziales Lernen und auch die Basisinhalte wie Mathematik und Deutsch. 

„Ab 12h45 gibt es dann Mittagessen, wir kochen dreimal die Woche mit den Jugendlichen zusammen. Zwei bis dreimal die Woche haben wir außerdem noch ein Nachmittagsangebot. Je nachdem, ob es das Nachmittagsangebot gibt, endet der Tag entweder um 14h00 oder um 15h30. Jeden Tag beschließen wir gemeinsam mit einer Abschlussrunde.“

Auch in der Ferienzeit ist die Tagesgruppe für die Jugendlichen da: Dann gibt es Exkursionen, Kreativangebote und eine Gruppenfahrt. Diese Kontinuität ist für die Jugendlichen wichtig.

Individueller Stundenplan für alle Schüler*innen

Ob Malern oder Werken: Die individuellen Fähigkeiten der Jugendlichen werden gefördert
Die individuellen Fähigkeiten der Jugendlichen werden gefördert

Die Schüler*innen haben neben der Werkstattarbeit auch Sportstunden, Lerntherapie und Einzelgespräche. Jede*r hat seinen/ihren Stundenplan. Jede*r Schüler*in hat auch ein Logbuch. Am Freitag gibt es eine individuelle Wochenauswertung und je nachdem, was die Schüler*innen erreicht haben, bekommen sie Token, die ab mehr als 75% des Möglichen in ein Geldguthaben umgerechnet werden. Dafür können sich die Schüler*innen in Absprache mit den Pädagog*innen Wünsche erfüllen. Bewertet werden die fünf Grundregeln der Tagesgruppe: Pünktlichkeit, Mitmachen, Akzeptieren von Anweisungen, Achten auf den Nähe- und Distanzbereich und faires und respektvolles Verhalten.  „Das Belohnungssystem finden vielleicht manche pädagogisch nicht passend. Wir arbeiten hier aber klientenzentriert und haben festgestellt, dass dieses Belohnungssystem zum Dranbleiben motiviert“, sagt Heike Schiganow.

Beziehungsarbeit als Grundlage

Damit die Arbeit im Projekt Früchte trägt, ist eine stabile Beziehung zwischen den pädagogischen Fachkräften und den Jugendlichen wichtig. „Die Jugendlichen haben oft schon Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter sich, haben Therapieerfahrung, waren in stationärer Unterbringung, haben familiäre Belastungen, schwere Mobbingerfahrungen, oft Diagnosen wie LRS, ADS, ADHS und anderes. Sie haben immer den Förderbedarf sozial-emotionale Entwicklung“, beschreibt Heike Schiganow die „Päckchen“ – oder eher schweren Pakete, die die Jugendlichen in die Tagesgruppe mitbringen. „Deshalb ist die persönliche Beziehung die Grundlage unserer Arbeit. Es geht zuerst um Wertschätzung, um Respekt, Vertrauen und auch um Verantwortung übernehmen – dann kann man auch gut miteinander arbeiten. Unsere erste große Aufgabe ist es, eine Beziehung herzustellen zwischen uns und der/dem Schüler*in.“

Manchmal wird dieses Engagement noch Jahre später „belohnt“: „Das schönste für uns ist, wenn ehemalige Schüler*innen nach 3-4 Jahren in der Tür stehen und erzählen: Ich weiß heute, ich habe damals Probleme gemacht, ich arbeite heute als Anlagenmechaniker und sie haben damals alles richtiggemacht.“

Neue Herausforderungen in der pädagogischen Arbeit

Das Klientel hat sich über die Jahre verändert, erklärt Schiganow: „Mittlerweile haben wir viele Schüler*innen, die kommen von einer Schule, die sagt: Es geht so nicht mehr. Wir kommen mit diesen Besonderheiten nicht klar. Das macht etwas mit den Schüler*innen – und es ist schwerer geworden, sie an das normale Lernen heranzuführen. Die Schule ist hier sehr überfordert, hat nicht das Personal, um das erfolgreich umzusetzen. Manche sind deshalb mittlerweile wirklich volle vier Jahre bei uns. Bei vielen hat die Karriere schon in der Kita begonnen. Sie müssen dann erstmal stabilisiert werden.“

Das ist auch persönlich immer wieder eine große Herausforderung für die pädagogischen Fachkräfte. „Die Arbeit mit den Jugendlichen erfordert auch viel Kraft, viel Haltequalitäten. Es ist deshalb sehr wichtig, sich sehr gut im Team zu verstehen und sich auch ablösen zu können.  Hilfreich und notwendig sind auch der regelmäßige fachliche Austausch, dass wir im Team gut miteinander umgehen und man gut auf sich aufpasst“.

Ihr Fazit nach 20 Jahren

Heike Schiganow, Leitern der Tagesgruppe Marzahn
Heike Schiganow, Leitern der Tagesgruppe Marzahn

Das Resümee der Leiterin der Tagesgruppe: „20 Jahre. Das ist ein Erstaunen, dass diese 20 Jahre so schnell vorbeigegangen sind. Dankbarkeit, dass es das Projekt noch gibt, dass es gut läuft, dass ich das Gefühl habe, noch immer etwas bewirken zu können. Das ist schon auch mein Lebensprojekt, ich bin wirklich sehr dankbar dafür. Es macht mir wirklich große Freude an der Schnittstelle zwischen Schule und Jugendhilfe arbeiten zu können, das bringt Freiheiten mit sich, Dinge auszuprobieren, Strukturen zu entwickeln, aber auch im Team arbeiten zu können und kein Alleinkämpfer sein zu müssen ist großartig.“

 

Mehr Informationen zu unseren schulersetzenden Projekten

Ansprechparterin:

Claudia Spieckermann
Abteilungsleiterin Schulbezogene Sozialarbeit

Telefon: 030 443360-741
Mail: c.spieckermann@tandembtl.de


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